
Mexikanische Schubertiade – ein Schubert Violinabend im Haus keiner geringeren als Coral Messina, mexikanische Pianistin und Komponistin der Olympischen Hymne der 1968 Sommer Spiele in Mexico. Das Haus, in der Colonia Condesa dem Viertel der Bohemians voller Cafes und Restaurants, gleicht von aussen den anderen Häusern mit denen es Seite an Seite steht. Durch einen kurzen dunklen Gang tritt man in einen Innenhof, den etliche Reihen weisser Gartenstuehle unmissverständlich als „Konzertsaal“ auswiesen. Ohne das eingebaute Glasdach wäre der Hof unter freiem Himmel, eingerahmt durch drei Flügel in denen sich wohl die Zimmer befinden. Auf der vierten Seite hinter einer laut knatternden Plastikplane, schliesst ein Garten an. Auf der Vorderseite ein Musikzimmer ausgestattet mit zwei Steinway Flügeln, indem sich zwei wackere Musiker des Ostblocks in der staubig-feuchter Luft fast auflösen. Um sie herum grinsen weibliche Pappmachéskelette in gelben und rosa Kleidern, Hüten und Federboas Allerseelen entgegen, und hinter ihnen blickt Frida Kahlo mit Äffchen etwas gequält von der Wand. Was von der Wand übrig bleibt, ist mit Zeitungsartikeln, unzähligen Fotos der Gastgeberin mit oder ohne mehr oder weniger berühmten Musikgrössen, und Konzertpostern aus den 80iger Jahren tapeziert: die Musikakademie lädt zu einem Audiovisuellen Konzert ein, komponiert und vorgetragen von Coral Messina. Das Publikum auf den Plastikstühlen erinnert alters-, geschlechts-, und wohl auch standesmässig an den Gardenclub. Wie kleine Papageien sitzen grell geschminkte Damen, in bunten Sommerkostümchen, die teils noch prächtigen grauen oder gefärbt farbigen Haare hochgesteckt, in den ersten Reihen der Plastikstühle, begrüssen jede neu angekommene mit kleinen spitzen Küsschen, und händezusammenfaltenden Ausrufen: „Mi vida, mi vida, wie schön Du heute wieder aussiehst“. In den hinteren Reihen positioniert sich jüngeres Publikum, Protegés und Musikerfreunde, zwischen weiteren Skeletten.
Und dann tritt Coral selbst auf die Bühne, nicht um zu spielen sondern um die Musiker anzukündigen: in weitem Mexikanisch-blumigen Kleid und einer überdimensionalen Steckfrisur aus teilweise künstlichen Zöpfen, die in allen möglichen Richtungen auf dem Kopf verflochten sind, scheint sie ebenjenem Frida-Kahlo Bild entschlüpft. Etwas verschmierter blau-schwarzer Kajal konkurriert mit dem grosszügig aufgetragenen Lippenstift. An beweglichen Händen und gespreizten Fingern klirrt und klimpert eine Rüstung aus Ringen, Armreifen und einem riesigen Schlüsselbund, den sie ab und an mit einer geübten Bewegung des Handgelenks in ihre Handfläche wirft. Ein rastloses Vögelchen dass sich leider nicht dazu bewegen lässt ihr mit neun Jahren komponiertes Klavierstück „El Cucu“ vorzutragen, sondern sich damit begnügt den Musikern einen dezent seufzenden Dank auszusprechen um sich dann unter ihre Gäste zu mischen.
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